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Vergessene Zivilisationen

Wandel & Verflechtungen

Das Ende der Bronzezeit: kein einzelner Kollaps

Um 1200 v. Chr. brachen mehrere Reiche fast gleichzeitig zusammen. Dürre, Erdbeben, Seevölker und Handelszusammenbruch im Zusammenspiel.

4 Min. Lesezeit

Redaktion und Verantwortung: Bartosz Tyce

Kolorierte Umzeichnung eines ägyptischen Reliefs mit Bogenschützen aus der Zeit Ramses III.
Kolorierte und für das Web beschnittene Umzeichnung eines Reliefausschnitts zum sogenannten Seevölker-Komplex unter Ramses III.Bild: TYalaA / Wikimedia Commons · CC0 1.0 · Webzuschnitt

Kurz erklärt

Zwischen etwa 1225 und 1150 v. Chr. brachen im östlichen Mittelmeerraum und Vorderen Orient innerhalb weniger Jahrzehnte mehrere miteinander vernetzte Großmächte fast gleichzeitig zusammen: das Hethiterreich, die mykenische Palastkultur Griechenlands, zahlreiche Stadtstaaten der Levante wie Ugarit sowie, in geschwächter Form, das ägyptische Neue Reich. Über ein Jahrhundert lang machten Historiker:innen dafür vor allem die rätselhaften „Seevölker” verantwortlich, eine Gruppe seefahrender Angreifer unbekannter Herkunft. Die heutige Forschung sieht darin höchstens einen Auslöser unter mehreren: Paläoklimatische Daten belegen eine lang anhaltende Dürreperiode, geologische Untersuchungen deuten auf eine mehrjährige „Erdbebensturm”-Serie hin, und Handelsnetzwerke, die eng miteinander verflochtene Reiche gegenseitig abhängig gemacht hatten, brachen mit dem Ausfall einzelner Knotenpunkte kaskadenartig zusammen.

Was genau endete

Innerhalb weniger Jahrzehnte verschwanden oder schrumpften mehrere hochentwickelte, teils jahrhundertealte politische Zentren: Die hethitische Hauptstadt Hattusa wurde zerstört und aufgegeben, die mykenischen Palastzentren Griechenlands brannten nieder, die bedeutende Handelsstadt Ugarit an der syrischen Küste wurde vollständig zerstört, und das ägyptische Neue Reich überstand zwar mehrere „Seevölker”-Invasionen, ging aber danach in einen langen, spürbaren Niedergang über. Schriftlichkeit ging in mehreren betroffenen Regionen deutlich zurück, Fernhandel brach ein, und es folgte eine mehrere Jahrhunderte andauernde Phase kultureller Verarmung, die in Griechenland als „Dunkles Zeitalter” bezeichnet wird.

Die Seevölker

Ägyptische Reliefs und Inschriften, insbesondere aus der Regierungszeit Ramses’ III., dokumentieren wiederholte Angriffe einer als „Seevölker” bezeichneten Gruppe unterschiedlicher, seefahrender Bevölkerungen, deren genaue Herkunft bis heute ungeklärt ist — Vorschläge reichen von der Ägäis bis zur Iberischen Halbinsel. Auch erhaltene diplomatische Korrespondenz aus Ugarit belegt akute Furcht vor solchen Angreifern kurz vor der endgültigen Zerstörung der Stadt. Eine einflussreiche neuere Deutung sieht in den Seevölkern weniger reine Eroberer als vielmehr eine Mischung aus Angreifern und Vertriebenen — mitreisende Frauen und Kinder in den ägyptischen Darstellungen deuten auf ganze migrierende Bevölkerungsgruppen hin, die möglicherweise selbst durch Dürre und Ressourcenknappheit aus ihren ursprünglichen Heimatregionen vertrieben wurden.

Klimatische Faktoren

Mehrere unabhängige paläoklimatische Untersuchungen — unter anderem Pollenanalysen aus Sedimentkernen unter dem See Genezareth und dem Toten Meer sowie ein rund 150.000 Jahre umfassender Niederschlagsdatensatz aus der Sorek-Höhle in Israel — belegen für die betreffende Zeit einen deutlichen, teils als „Megadürre” bezeichneten Rückgang der Niederschläge im östlichen Mittelmeerraum, der sich über mehrere Jahrzehnte bis Jahrhunderte erstreckte. In den überwiegend regenabhängigen Landwirtschaftsregionen Anatoliens, Griechenlands und der Levante hätte eine solche Dürre unmittelbar Ernteausfälle, Hungersnöte und in der Folge Migrationsbewegungen ausgelöst — genau jene Wanderungsbewegungen, die mit den „Seevölkern” in Verbindung gebracht werden.

Erdbeben

Geologische Untersuchungen deuten zudem auf eine mehrjährige Serie schwerer Erdbeben („Erdbebensturm”) im östlichen Mittelmeerraum zwischen etwa 1225 und 1175 v. Chr. hin, ausgelöst durch tektonische Plattenbewegungen entlang mehrerer Bruchzonen. Diese Erdbebenserie könnte zahlreiche Stadtzentren militärisch geschwächt und dadurch anfälliger für nachfolgende Angriffe — durch die Seevölker oder auch durch opportunistische Nachbarn — gemacht haben, statt selbst die alleinige Zerstörungsursache zu sein.

Handelszusammenbruch als Systemschwäche

Die späte Bronzezeit war durch ein außergewöhnlich eng verflochtenes internationales Handelsnetz geprägt, das unter anderem Zinn und Kupfer für die Bronzeherstellung über weite Distanzen transportierte. Diese Vernetzung machte die beteiligten Reiche zugleich anfällig: Fiel ein zentraler Handelsknoten oder eine wichtige Handelsroute aus — etwa durch Dürre, Erdbebenschäden oder Piraterie —, konnte sich diese Störung kaskadenartig auf zahlreiche weitere, wirtschaftlich abhängige Zentren ausbreiten. Der später einsetzende breite Übergang von Bronze zu Eisen als vorherrschendem Metall lässt sich unter anderem als Reaktion auf diesen Zusammenbruch der Zinnhandelsrouten deuten.

Warum keine einzelne Ursache ausreicht

Fachleute wie Eric Cline betonen, dass keiner dieser Faktoren — Dürre, Hungersnot, Invasionen, Erdbeben, möglicherweise auch Krankheiten — für sich allein genommen ausgereicht hätte, um gleich mehrere, teils weit voneinander entfernte Großmächte gleichzeitig zum Einsturz zu bringen. Erst das gleichzeitige, sich gegenseitig verstärkende Zusammenwirken mehrerer Stressfaktoren in einem bereits eng vernetzten und dadurch verwundbaren System erklärt das Ausmaß und die Gleichzeitigkeit des Zusammenbruchs — ein Musterbeispiel für einen sogenannten Systemkollaps.

Offene Fragen

  • Woher stammten die „Seevölker” tatsächlich, und in welchem Verhältnis standen Eroberung und erzwungene Migration zueinander?
  • Wie genau lässt sich das relative Gewicht von Dürre, Erdbeben und Handelszusammenbruch für die einzelnen betroffenen Regionen quantifizieren?
  • Warum verlief der Zusammenbruch in manchen Regionen (z. B. Zypern) anders oder milder als in anderen?

Quellen und Weiterlesen

  1. EBSCO Research Starters, „Late Bronze Age collapse” — Grundlage für die Grundchronologie und die Nennung der wichtigsten Erklärungsfaktoren.
  2. PMC, „Environmental Roots of the Late Bronze Age Crisis” — peer-reviewte Studie zu paläoklimatischen Daten aus Zypern und ihrer Verbindung zu den Seevölker-Invasionen.
  3. World History Encyclopedia, „Bronze Age Collapse: The Decline and Fall of Mediterranean Civilization” — Grundlage für die Sorek-Höhlen-Niederschlagsdaten und die Megadürre-These nach Kaniewski und Weiss.
  4. HISTORY, „What Caused the Bronze Age Collapse?“ — Grundlage für die Einordnung durch Eric Cline zum Zusammenwirken mehrerer Faktoren sowie die Seevölker-als-Vertriebene-These.
  5. PMC, „How Disease Affected the End of the Bronze Age” — Grundlage für die Erdbebensturm-Hypothese.
  6. History Chronicles, „The Bronze Age Collapse – Why Did Civilizations Fall Around 1200 BC?“ — Grundlage für die Einordnung als multifaktoriellen Systemkollaps und den Übergang von Bronze zu Eisen.

Ergänzende Abbildungen

Objekte und Fundorte im Kontext

Freigelegte Steinmauern der bronzezeitlichen Stadt Ugarit
Ruinen von Ugarit im heutigen Syrien, einem wichtigen Fallbeispiel für die Umbrüche am Ende der Bronzezeit.Bild: Alen Ištoković / Wikimedia Commons · CC BY 3.0 · Weboptimierung