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Vergessene Zivilisationen

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Nazca-Linien: Geoglyphen in einer rituellen Landschaft

KI-gestützte Suche fand hunderte neue Nazca-Geoglyphen. Herstellung, Sichtbarkeit, Datierung und plausible Funktionen im Überblick.

Nazca-Wüste, Region Ica, Südperuüberwiegend etwa 500 v. Chr.–500 n. Chr., einzelne verwandte Palpa-Linien möglicherweise älter4 Min. Lesezeit

Redaktion und Verantwortung: Bartosz Tyce

Luftaufnahme der kolibriförmigen Geoglyphe in der Nazca-Wüste
Die Kolibri-Geoglyphe gehört zu den bekanntesten Nazca-Linien. Luftaufnahmen erleichtern den Überblick, die Anlagen sind jedoch nicht ausschließlich aus der Luft erfahrbar.Bild: Unukorno / Wikimedia Commons · CC BY 3.0 · Webzuschnitt

Kurz erklärt

Die Nazca-Linien sind ein Ensemble von rund 800 geraden Linien, 300 geometrischen Figuren sowie ursprünglich rund 70, durch neuere KI-gestützte Untersuchungen aber inzwischen deutlich mehr bekannten Tier- und Pflanzendarstellungen, die in die Wüstenebene der südperuanischen Küste eingeritzt sind. Sie entstanden überwiegend zwischen etwa 500 v. Chr. und 500 n. Chr. durch die Nazca-Kultur, indem oberflächliche, oxidierte dunkle Steine zur Seite geräumt wurden, um den darunterliegenden helleren Untergrund freizulegen. Die extrem trockene, windarme Wüstenumgebung erklärt, warum die nur wenige Zentimeter tiefen Rillen über Jahrtausende erhalten blieben. Über den genauen Zweck der Linien besteht bis heute kein wissenschaftlicher Konsens; mehrere Deutungen gelten als plausibel, keine als bewiesen.

Steckbrief

  • Region: Nazca-Wüste, Region Ica, Südperu
  • Zeitraum: überwiegend etwa 500 v. Chr.–500 n. Chr., einzelne verwandte Palpa-Linien möglicherweise älter
  • Umfang: rund 800 gerade Linien, 300 geometrische Figuren, ursprünglich rund 70 figürliche Darstellungen — durch neue Untersuchungen 2024/2025 auf über 800 figürliche Geoglyphen erweitert
  • Entdeckung: 1927 durch den peruanischen Archäologen Toribio Mejía Xesspe
  • Status: UNESCO-Welterbe (gemeinsam mit den Palpa-Geoglyphen)

Herstellung

Die Nazca-Linien entstanden durch das Entfernen einer dünnen, durch Oxidation dunkel gefärbten Oberflächenschicht aus Steinen und Erde, wodurch der darunterliegende, hellere Sand sichtbar wurde. Die dabei entstandenen Rillen sind meist nur 10 bis 15 Zentimeter tief. Für die bemerkenswerte Präzision und Größe der Figuren — manche Linien erstrecken sich über mehrere Kilometer — gehen Fachleute davon aus, dass die Nazca einfache Vermessungshilfsmittel wie Pflöcke und gespannte Schnüre nutzten, um Entwürfe im vergrößerten Maßstab auf den Wüstenboden zu übertragen. An den Enden mancher Linien wurden tatsächlich hölzerne Pflöcke im Boden gefunden, die diese Vermessungstechnik stützen.

Sichtbarkeit

Die bekanntesten figürlichen Darstellungen — etwa Kolibri, Affe oder Spinne — sind in ihrer vollständigen Form am besten aus der Luft erkennbar, weshalb Rundflüge heute die übliche Art sind, sie zu betrachten; ein rund 13 Meter hoher Aussichtsturm am Boden zeigt jeweils nur zwei oder drei Figuren aus einem eingeschränkten Blickwinkel. Das bedeutet nicht zwingend, dass die Linien ausschließlich für eine Betrachtung „von oben” gedacht waren: Viele der geraden Linien und geometrischen Figuren lassen sich, anders als die komplexen Tierfiguren, auch am Boden entlang begehen und nachvollziehen.

Datierung

Da das für die Linien freigelegte Gestein selbst nicht radiokarbondatierbar ist, stützt sich die Datierung überwiegend auf den Vergleich stilistischer Merkmale der Geoglyphen mit datierbarer Nazca-Keramik und -Textilkunst. Archäolog:innen wie Markus Reindel und Johnny Cuadrado Island kommen anhand solcher Vergleiche für einen Teil der Figuren auf einen Zeitraum von etwa 600 bis 200 v. Chr., während andere Linien deutlich jüngeren Datums sind. Die eng verwandten, teils älteren Palpa-Geoglyphen in einer benachbarten Region gelten manchen Forschenden als möglicher Vorläufer und Einfluss auf die späteren Nazca-Linien.

Plausible Funktionen

Mehrere Deutungen zur Funktion der Linien gelten als ernsthaft diskutierte, aber jeweils nicht abschließend bewiesene Möglichkeiten: eine astronomische Kalenderfunktion, bei der bestimmte Linien auf Sonnenaufgangs- oder -untergangspunkte zu bedeutsamen Zeitpunkten ausgerichtet sein könnten; eine Verbindung zu Wasserkulten und Fruchtbarkeitsritualen angesichts des extrem trockenen Umfelds, möglicherweise im Zusammenhang mit unterirdischen Wasserquellen oder den von den Nazca selbst gebauten unterirdischen Bewässerungskanälen (Puquios); sowie eine Deutung als rituelle Pilgerwege, die von Gemeinschaften begangen wurden. Weniger plausibel, aber in der öffentlichen Debatte verbreitet, sind Vorstellungen, die Linien seien primär für die Betrachtung durch Gottheiten oder gar außerirdische Beobachter aus der Luft gedacht gewesen — eine Deutung, die über das hinausgeht, was sich archäologisch stützen lässt.

Aktuelle Forschung

Ab 2024 identifizierte ein KI-gestütztes Forschungsprojekt der Universität Yamagata gemeinsam mit IBM Research mithilfe niedrig fliegender Drohnen und maschinellem Lernen innerhalb weniger Monate 303 zuvor unbekannte figürliche Geoglyphen; 2025 kamen weitere 248 hinzu, sodass sich die Gesamtzahl bekannter figürlicher Darstellungen auf rund 890 nahezu verdoppelte. Diese neu entdeckten, oft kleineren Figuren liegen häufig näher an vermuteten Wegen und werden von den beteiligten Forschenden vorläufig eher als Wegmarkierungen entlang alltäglicher Routen gedeutet denn als rein zeremonielle Großdarstellungen — ein Hinweis darauf, dass die Nazca-Linien möglicherweise mehrere, unterschiedliche Funktionen gleichzeitig erfüllten.

Offene Fragen

  • Welche der plausiblen Funktionsdeutungen — astronomisch, rituell, wasserbezogen, wegweisend — trifft auf welche Untergruppe der Linien zu, und schließen sich die Deutungen überhaupt gegenseitig aus?
  • Wie verlässlich lässt sich die stilistische Datierungsmethode auf die einzelnen, sehr unterschiedlichen Liniengruppen übertragen?
  • Welche zusätzlichen Erkenntnisse werden weitere KI-gestützte Untersuchungen zur Gesamtzahl und Verteilung der Geoglyphen noch liefern?

Quellen und Weiterlesen

  1. EBSCO Research Starters, „Nazca Lines (archaeological site), Peru” — Grundlage für Grundzahlen (Linien, Figuren, Fläche) und die Erwähnung der KI-gestützten Entdeckungen der 2020er-Jahre.
  2. Study.com, „Nazca Lines Overview, Map & Theories” — Grundlage für die stilistische Datierungsmethode nach Reindel und Cuadrado Island sowie den Hinweis auf gefundene Vermessungspflöcke.
  3. Kontiki Hikes, „Nazca Geoglyphs: The Complete 2026 Guide” — zentrale, aktuelle Quelle für die 2024/2025 durch KI-gestützte Drohnenuntersuchung entdeckten neuen Geoglyphen und deren vorläufige Deutung als Wegmarkierungen.
  4. The Archaeologist, „The Mysterious Nazca Lines: How Were They Made?“ — Grundlage für die Darstellung konkurrierender Funktionsdeutungen (astronomisch, Wasserkult, spekulative „Götterblick”-These).
  5. Machu Travel Peru, „How the Nazca Lines were made” / „Nazca Lines Theories” — Grundlage für die Entdeckungsgeschichte durch Toribio Mejía Xesspe sowie die Rolle Maria Reiches in der Erforschung.