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Vergessene Zivilisationen

Orte & Monumente

Nan Madol: eine Stadt aus Basalt im Pazifik

Nan Madol auf Pohnpei ist die einzige bekannte prähistorische Stadt auf einem Korallenriff – Bau, Saudeleur-Dynastie und mündliche Überlieferung.

vor der Südostküste Pohnpeis, Föderierte Staaten von Mikronesienerste Inselanlagen ab etwa 900 n. Chr., Hauptbauphase mit Basaltarchitektur etwa 1200–1500 n. Chr., Niedergang der Saudeleur-Dynastie um 1628 n. Chr.4 Min. Lesezeit

Redaktion und Verantwortung: Bartosz Tyce

Basaltmauern von Nan Madol stehen unmittelbar an einem Wasserkanal
Basaltarchitektur und Wasserraum in Nan Madol auf Pohnpei, einer auf künstlichen Inseln errichteten Anlage.Bild: CT Snow / Wikimedia Commons · CC BY 2.0 · Webzuschnitt

Kurz erklärt

Nan Madol vor der Küste der Insel Pohnpei in Mikronesien ist ein einzigartiger megalithischer Komplex aus über 90 bis 100 künstlich angelegten Inseln, errichtet aus gestapelten Basaltsäulen und Korallenschutt ohne Mörtel — die einzige bekannte prähistorische Stadt, die vollständig auf einem Korallenriff erbaut wurde. Von etwa 1200 bis in die frühen 1600er-Jahre n. Chr. diente Nan Madol als zeremonielles und politisches Zentrum der Saudeleur-Dynastie, die als erste zentralisierte Herrschaft Pohnpeis gilt. Mündliche Überlieferungen der Insel erzählen von zwei Zauberer-Brüdern, die die tonnenschweren Basaltblöcke mithilfe eines fliegenden Drachens an ihren Platz „geflogen” haben sollen — eine Legende, die neben den nüchternen archäologischen Befunden zur kulturellen Bedeutung des Ortes für die heutige Bevölkerung Pohnpeis beiträgt.

Steckbrief

  • Region: vor der Südostküste Pohnpeis, Föderierte Staaten von Mikronesien
  • Zeitraum: erste Inselanlagen ab etwa 900 n. Chr., Hauptbauphase mit Basaltarchitektur etwa 1200–1500 n. Chr., Niedergang der Saudeleur-Dynastie um 1628 n. Chr.
  • Ausdehnung: rund 80 Hektar Gesamtfläche, davon etwa 30 Hektar künstliche Inselflächen
  • Baumaterial: Basaltsäulen (vulkanisches Gestein) und Korallenschutt
  • Status: UNESCO-Welterbe seit 2016, zugleich auf der Liste des gefährdeten Welterbes

Bau

Erste, noch unbefestigte Siedlungsspuren auf natürlichen Sandinseln an der späteren Stelle Nan Madols reichen möglicherweise bis in die Zeit um Christi Geburt zurück; erste künstliche Inselanlagen entstanden spätestens ab etwa 900 n. Chr. Die charakteristische, namensgebende Basaltarchitektur — meterhohe, aus sechseckigen Basaltsäulen aufgeschichtete Mauern — setzte jedoch erst mit dem Aufstieg der Saudeleur-Dynastie um etwa 1200 n. Chr. ein und bildet das eigentliche Kennzeichen des Komplexes. Die verwendeten Basaltsäulen, geologisch durch das Abkühlen vulkanischer Lava vor ein bis acht Millionen Jahren entstanden, wurden von Steinbrüchen auf der gegenüberliegenden Seite Pohnpeis über das offene Wasser zur Baustelle transportiert — schätzungsweise nahezu eine Million Tonnen Material insgesamt, eine für eine schriftlose, ohne Zugtiere oder Räder auskommende Gesellschaft bemerkenswerte logistische Leistung.

Die Saudeleur-Dynastie

Die Saudeleur-Dynastie, deren Herrschaft sich durch Rückrechnung anhand überlieferter Generationenfolgen auf etwa 1160 n. Chr. datieren lässt, gilt als erste zentralisierte Regierungsform Pohnpeis und vereinte der Insel schätzungsweise rund 25.000 Bewohner:innen unter einem zentralen Tributsystem. Die Herrscher lebten getrennt von der übrigen Bevölkerung und beanspruchten eine rituelle, halbgöttliche Autorität. Innerhalb Nan Madols erfüllten einzelne Inseln erkennbar unterschiedliche Funktionen — etwa Idehd als königlicher Wohnsitz und Nan Dowas als heilige Grabstätte hochrangiger Häuptlinge —, ein Hinweis auf eine durchdachte, funktional gegliederte Stadtplanung.

Mündliche Überlieferung

Der pohnpeischen Überlieferung zufolge gründeten zwei als Zauberer beschriebene Zwillingsbrüder, Olisihpa und Olosohpa, aus einem mythischen westlichen Land namens Katau kommend, den Ort, um einen Altar für den Landwirtschaftsgott Nahnisohn Sahpw zu errichten; der Legende nach ließen sie die gewaltigen Basaltblöcke mithilfe eines fliegenden Drachens schweben. Nach dem Tod Olisihpas soll sein Bruder zum ersten Saudeleur geworden sein. Solche Überlieferungen werden von der archäologischen Forschung nicht als wörtlicher Tatsachenbericht behandelt, liefern aber wertvolle ergänzende Hinweise zur kulturellen Einordnung und politischen Legitimation der Saudeleur-Herrschaft aus der Perspektive der Inselbevölkerung selbst.

Nutzung und Schutz

Nan Madol steht bis heute in lebendiger Verbindung mit gesellschaftlichen und zeremoniellen Traditionen Pohnpeis, unter anderem im Zusammenhang mit der fortbestehenden traditionellen Häuptlingsautorität (Nahnmwarki). Zugleich gilt die Fundstätte als gefährdet: Zunehmende Verschlammung der Wasserwege begünstigt unkontrolliertes Mangrovenwachstum, das die jahrhundertealten Basaltstrukturen fortlaufend destabilisiert — ein Grund, warum die UNESCO den Ort zusätzlich zur regulären Welterbeliste auf die Liste des gefährdeten Welterbes gesetzt hat.

Wandel und Kontinuitäten

Um etwa 1628 n. Chr. endete die Herrschaft der Saudeleur-Dynastie, überliefert im Zusammenhang mit dem Aufstand eines Kriegers namens Isokelekel; nach dem Umsturz büßte Nan Madol allmählich seine zentrale politische Funktion ein. Als mitwirkende Faktoren für den Niedergang werden neben dem politischen Umsturz auch mögliche länger anhaltende Dürreperioden diskutiert. Nan Madol selbst wurde jedoch nie vollständig aus dem kulturellen Gedächtnis Pohnpeis getilgt, sondern blieb über mündliche Überlieferung, spätere zeremonielle Nutzung und die bis heute bestehende traditionelle Führungsstruktur mit der Inselgesellschaft verbunden.

Offene Fragen

  • Wie genau wurden die tonnenschweren Basaltsäulen tatsächlich über das offene Wasser transportiert?
  • Welches genaue Gewicht hatten politischer Umsturz und klimatische Faktoren beim Niedergang der Saudeleur-Herrschaft?
  • Wie lässt sich das Verhältnis zwischen den frühesten, noch unbefestigten Siedlungsspuren um Christi Geburt und der viel späteren monumentalen Bauphase ab 1200 n. Chr. genauer rekonstruieren?

Quellen und Weiterlesen

  1. UNESCO-Welterbedokumentation, „Nan Madol: Ceremonial Centre of Eastern Micronesia” — Grundlage für offizielle Chronologie, Flächenangaben und den Gefährdungsstatus.
  2. IARII (International Archaeological Research Institute), „Monumental Architecture of Nan Madol” — Grundlage für die früheste Besiedlungsgeschichte, den Baubeginn künstlicher Inseln ab etwa 900 n. Chr. sowie die Einordnung der Basaltarchitektur ab 1200 n. Chr.
  3. Sci.News, „Nan Madol: Archaeologists Uncover Earliest Evidence of Chiefdom in Pacific” — Grundlage für die geologische Herkunft der Basaltsäulen sowie die Datierung des Beginns der Saudeleur-Herrschaft auf etwa 1160 n. Chr.
  4. Megalithicbuilders.com, „Nan Madol – Pohnpei, Micronesia” — Grundlage für Bevölkerungsschätzung, Materialmenge und das Ende der Dynastie um 1628 n. Chr.
  5. Factum Obscura, „Nan Madol: The Ancient Coral City of Pohnpei’s Saudeleur Dynasty” — zentrale Quelle für die mündliche Gründungsüberlieferung mit Olisihpa und Olosohpa.
  6. Discovery UK, „What Lies Beneath? The Nan Madol Mystery” — Grundlage für die Einordnung des archäologischen Konsens (zeremonielles/administratives Zentrum durch koordinierte Arbeit) gegenüber spekulativeren Fragestellungen.