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Vergessene Zivilisationen

Orte & Monumente

Nabta Playa: Monument, Kalender oder moderne Überdeutung?

Ist der Steinkreis von Nabta Playa wirklich ein präziser Kalender? Was Beobachtung, Datierung und Fachkritik tatsächlich zeigen.

Nubische Wüste, Südägypten, nahe der Grenze zum SudanNutzung ab etwa 7500 v. Chr. bis zur Aufgabe der Region um etwa 3400 v. Chr.4 Min. Lesezeit

Redaktion und Verantwortung: Bartosz Tyce

Redaktionelle Illustration · KI-gestützt erstellt

Kurz erklärt

Nabta Playa in der Nubischen Wüste im heutigen Südägypten war während einer humideren Klimaphase der Sahara vor mehreren Jahrtausenden ein saisonal genutzter Rastplatz halbnomadischer, viehhaltender Gruppen. Der Fundort ist vor allem für einen kleinen, nur rund vier Meter durchmessenden Steinkreis bekannt, der seit seiner Entdeckung häufig als eine der ältesten astronomisch ausgerichteten Anlagen der Welt beschrieben wird — mit angeblichen Ausrichtungen auf die Sommersonnenwende und bestimmte Sterne wie Sirius oder das Sternbild Orion. Tatsächlich ist der Steinkreis von Nabta Playa ein reales, archäologisch gut dokumentiert Monument mit nachvollziehbaren Ausrichtungen; einige der populärsten, spektakulärsten astronomischen Deutungen einzelner Forschender gehen jedoch deutlich über das hinaus, was die Datenlage sicher stützt, und werden von anderen Fachleuten des ursprünglichen Ausgrabungsteams selbst kritisiert.

Steckbrief

  • Region: Nubische Wüste, Südägypten, nahe der Grenze zum Sudan
  • Zeitraum: Nutzung ab etwa 7500 v. Chr. bis zur Aufgabe der Region um etwa 3400 v. Chr.
  • Entdeckung: 1974 durch ein Team um den Archäologen Fred Wendorf
  • Bekanntester Befund: kleiner Steinkreis mit vermuteter Ausrichtung auf Sonnenwenden und einzelne Sterne

Einordnung von Ort, Zeit und historischem Zusammenhang

Nabta Playa liegt in einem heute extrem trockenen Gebiet, das während einer feuchteren Klimaphase der Sahara ein saisonal wasserführendes Becken war. Halbnomadische Gruppen nutzten den Ort ab mindestens dem 10. Jahrtausend v. Chr. wiederkehrend als Weideplatz für ihr Vieh; ab dem 7. Jahrtausend v. Chr. entstanden hier zunehmend organisierte Siedlungsstrukturen mit tiefen Brunnen und in geraden Reihen angeordneten Hütten. Um etwa 3400 v. Chr. wurde die Region schließlich aufgrund zunehmender Austrocknung verlassen.

Die wichtigsten archäologischen Befunde

Neben Siedlungsspuren fanden die Ausgräber:innen mehrere Gruppen aufgestellter Steine, darunter einen zentralen, aus Sandsteinblöcken bestehenden „Kalenderkreis” sowie mehrere Reihen größerer Megalithe, die von einem zentralen Grabhügel radial nach außen ausgerichtet sind. In diesem zentralen Grabhügel fanden die Forschenden keine menschlichen Überreste, sondern Rinderknochen und einen großen, offenbar in Kuhform behauenen Felsblock — ein deutlicher Hinweis auf die kulturelle Bedeutung von Rindern für die Menschen von Nabta Playa, möglicherweise im Zusammenhang mit einer Rinderverehrung, die manche Forschende mit späteren Kultpraktiken im pharaonischen Ägypten in Verbindung bringen.

Was Forschende daraus ableiten und welche Deutungen es gibt

Satellitengestützte Vermessungen durch Fred Wendorf und den Archäoastronomen J. McKim Malville zeigten, dass zwei Paare der größeren Steine eine Nord-Süd-Linie und zwei weitere Paare eine Ost-West-Linie bilden; letztere wird mit dem ungefähren Sonnenaufgangspunkt zur Sommersonnenwende in Verbindung gebracht. Malville deutete zudem einzelne, auf Hügeln errichtete Steingruppen als mögliche Ausrichtung auf bestimmte Sterne. Deutlich weiter geht der Astrophysiker Thomas G. Brophy, der einzelne Steine als Abbild des Sternbilds Orion sowie als Karte der Milchstraße zu einem Zeitpunkt vor rund 17.500 beziehungsweise 16.500 Jahren deutete — Zeiträume, die deutlich vor der eigentlichen Errichtung der Anlage liegen und die von Wendorf, Malville und weiteren am ursprünglichen Projekt beteiligten Forschenden ausdrücklich als methodisch fehlerhaft kritisiert wurden. In einem gemeinsam mit dem Autor Graham Hancock verfassten Buch ging Brophy zusätzlich so weit, den Steinkreis als möglichen Beleg für Kontakt mit „einer anderen Intelligenz” zu deuten — eine Position, die weit außerhalb des archäologischen Fachdiskurses liegt.

Was als gut belegt gilt und was noch offen oder umstritten ist

Gut belegt sind die grundlegende Existenz, Anordnung und ungefähre Datierung des Steinkreises sowie seine Nord-Süd- und Ost-West-Ausrichtungen der größeren Steinpaare. Plausibel, aber mit Vorbehalt zu betrachten ist die Deutung der Ost-West-Achse als ungefährer Sonnenwende-Indikator: Eine 2007 veröffentlichte Neubewertung durch am ursprünglichen Projekt beteiligte Fachleute weist selbst darauf hin, dass die Bezeichnung „Kalenderkreis” möglicherweise irreführend ist, da die Abstände zwischen den Steinpaaren für eine präzise kalendarische Messung eigentlich zu groß und die Abstände zwischen den sogenannten „Toren” zu kurz sind. Als spekulativ bis nicht haltbar gelten dagegen die weitreichenden Stern- und Zeitdeutungen Brophys sowie jede Verbindung des Fundorts zu außerirdischer Intelligenz.

Warum das Thema für unser Geschichtsbild relevant ist

Nabta Playa zeigt anschaulich, wie ein und derselbe reale, gut dokumentierte archäologische Befund je nach Forschendem sehr unterschiedlich weitreichend interpretiert werden kann — und wie wichtig es ist, zwischen der beobachtbaren Anordnung von Steinen und der oft deutlich spekulativeren astronomischen Interpretation dieser Anordnung zu unterscheiden.

Offene Fragen

  • Wie präzise war die tatsächliche Ausrichtung des „Kalenderkreises” ursprünglich gedacht, angesichts der von Fachleuten selbst geäußerten Zweifel an der Bezeichnung?
  • Welche religiöse oder soziale Bedeutung hatte die im zentralen Grabhügel gefundene kuhförmige Steinfigur genau?
  • Besteht ein tatsächlicher kultureller Zusammenhang zwischen der vermuteten Rinderverehrung in Nabta Playa und späteren Kultpraktiken im pharaonischen Ägypten, oder handelt es sich um eine unabhängige Parallele?

Quellen und Weiterlesen

  1. Astronomy.com, „Nabta Playa: The world’s first astronomical site was built in Africa” — Grundlage für die Entdeckungsgeschichte, den zentralen Grabhügel mit Rinderfigur und Malvilles Beschreibung seiner Deutung.
  2. The Archaeologist, „Nabta Playa: Is The World’s Oldest Astronomical Site Found in Africa?“ — zentrale Quelle für die fachliche Kritik an Brophys Datierungen durch das ursprüngliche Forschungsteam (2007) sowie die Einordnung der „Kalenderkreis”-Bezeichnung als möglicherweise irreführend.
  3. Ancient Egypt Online, „Nabta Playa Stone Circle” — Grundlage für die Beschreibung von Brophys weitreichendsten Deutungen, einschließlich der gemeinsam mit Graham Hancock vertretenen Kontaktthese, sowie deren Zurückweisung durch Malville und Wendorf.
  4. Ancient Origins, „Nabta Playa and the Ancient Astronomers of the Nubian Desert” — Grundlage für die technische Beschreibung der Steinkreis-Anordnung und die satellitengestützte Vermessung.
  5. Archaeology World, „Nabta Playa: The world’s first astronomical site…“ — Grundlage für die Einordnung eines UNESCO-Inventarberichts, der die Symbolik des Fundorts als grundlegend praktisch orientiert (Vieh, Wasser, Tod, Sonne, Sterne) beschreibt.