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Vergessene Zivilisationen

Orte & Monumente

Göbekli Tepe: Versammlungsort, Siedlung oder beides?

War Göbekli Tepe ein reiner Kultort oder auch dauerhaft bewohnt? Befunde, Bauphasen und der aktuelle Forschungsstreit im Überblick.

Şanlıurfa-Provinz, Südostanatolien, TürkeiHauptnutzung etwa 9500–8000 v. Chr. (Prä-Keramisches Neolithikum A und B)4 Min. Lesezeit

Redaktion und Verantwortung: Bartosz Tyce

Redaktionelle Illustration · KI-gestützt erstellt

Kurz erklärt

Göbekli Tepe im Südosten der Türkei ist eine der ältesten bekannten monumentalen Bauanlagen der Menschheit: Die ersten großen, kreisförmigen Anlagen mit meterhohen, reich verzierten T-förmigen Pfeilern entstanden bereits um 9500 v. Chr. — mehrere Jahrtausende vor den Pyramiden von Gizeh und noch bevor Menschen in der Region Ackerbau oder Viehzucht in nennenswertem Umfang betrieben. Der Ausgräber Klaus Schmidt deutete den Ort zunächst als reinen, unbewohnten Versammlungs- und Kultplatz mobiler Jäger- und Sammlergruppen. Neuere Ausgrabungen unter seinem Nachfolger Lee Clare haben Hinweise auf dauerhaftere, siedlungsähnliche Aktivität an Ort und Stelle gefunden, sodass die Forschung heute kontroverser diskutiert, ob und in welchem Ausmaß Göbekli Tepe auch bewohnt war.

Steckbrief

  • Region: Şanlıurfa-Provinz, Südostanatolien, Türkei
  • Zeitraum: Hauptnutzung etwa 9500–8000 v. Chr. (Prä-Keramisches Neolithikum A und B)
  • Entdeckung: erste Erwähnung 1963, systematische Ausgrabung ab 1994/1995 unter Klaus Schmidt
  • Besonderheit: älteste bekannte monumentale Steinbauten mit figürlichen Reliefs, älter als Ackerbau in der Region
  • Status: UNESCO-Welterbe seit 2018

Raum und Zeit

Göbekli Tepe liegt auf einem Hügelrücken nahe der syrischen Grenze und gehört zu einer Gruppe eng verwandter Fundstätten, die unter dem Begriff „Taş Tepeler” (türkisch für „Steinhügel”) zusammengefasst werden — darunter Karahan Tepe und Sefer Tepe, die teils ähnliche T-Pfeiler-Traditionen zeigen und laufend weiter erforscht werden. Radiokarbondatierungen datieren die frühesten Bauphasen auf etwa 9500 v. Chr.; die Nutzung endete um 8000 v. Chr., als die Anlagen absichtlich mit Schutt verfüllt wurden.

Die wichtigsten archäologischen Befunde

Charakteristisch für Göbekli Tepe sind kreisförmige bis ovale Anlagen aus grob behauenen Steinmauern, in die meterhohe, T-förmige Kalksteinpfeiler eingelassen sind — in der Mitte jeweils zwei besonders große, zentrale Pfeiler. Viele Pfeiler tragen aufwendige Reliefs von Tieren wie Wildschweinen, Schlangen, Füchsen und Vögeln sowie stilisierte, teils andeutungsweise menschliche Formen. Die größte bekannte Anlage („Anlage D”) erreicht einen Durchmesser von rund 20 Metern; ihre zentralen Pfeiler sind etwa 5,5 Meter hoch. Ausgrabungen der letzten Jahre fanden zudem Feuerstellen, Abfallgruben und Werkzeugreste, die auf regelmäßige, möglicherweise auch längerfristige Aufenthalte am Ort hindeuten.

Was Forschende daraus ableiten und welche Deutungen es gibt

Klaus Schmidt prägte für Göbekli Tepe die vielzitierte These „Zuerst der Tempel, dann die Stadt”: Seiner Deutung nach versammelten sich hier verstreut lebende Jäger-und-Sammler-Gruppen zu gemeinsamen rituellen und baulichen Großprojekten, ohne dass am Ort selbst dauerhaft gewohnt wurde — eine radikale Umkehrung der traditionellen Annahme, wonach erst sesshafte Landwirtschaft komplexe Ritualbauten ermöglicht habe. Diese Deutung stützte sich unter anderem darauf, dass zunächst keine eindeutigen Wohnbauten, keine nahegelegene Wasserquelle und keine domestizierten Pflanzen oder Tiere nachgewiesen werden konnten. Nachfolgende Ausgrabungen unter Lee Clare fanden jedoch rechteckige Gebäude, die heute als mögliche Wohnhäuser gedeutet werden, sowie häusliche Spuren wie Feuerstellen über die gesamte Nutzungsdauer hinweg. Ob die großen, verzierten Rundanlagen deshalb tatsächlich (auch) als größere Wohnhäuser wichtiger Familien zu verstehen sind oder trotz allem primär eine besondere, rituelle Funktion behielten, wird in der Fachliteratur weiterhin diskutiert.

Was als gut belegt gilt und was noch offen oder umstritten ist

Gut belegt ist das hohe Alter der Anlagen, ihre aufwendige, für die damalige Zeit außergewöhnliche Bautechnik sowie die Tatsache, dass die Anlagen deutlich vor einer vollständig entwickelten Landwirtschaft entstanden. Ebenfalls belegt ist, dass Enclosure D nicht der erste Bau seiner Art war, sondern selbst mehrere Bau- und Umbauphasen durchlief. Umstritten ist dagegen, ob Göbekli Tepe überwiegend ein spezialisierter, nicht dauerhaft bewohnter Versammlungsort war oder eine Siedlung mit ausgeprägter ritueller Sonderfunktion einzelner Gebäude. Ebenfalls diskutiert, aber deutlich weniger gesichert, sind astronomische Deutungen einzelner Pfeilersymbole als Kalenderdarstellungen; solche Interpretationen gelten bislang als plausibel, aber nicht als Konsens.

Warum das Thema für unser Geschichtsbild relevant ist

Göbekli Tepe stellt die lange vorherrschende Annahme infrage, wonach organisierte Religion und monumentale Architektur erst nach der Erfindung des Ackerbaus möglich gewesen seien. Falls Jäger-und-Sammler-Gruppen tatsächlich in der Lage waren, über Generationen hinweg derart aufwendige gemeinsame Bauprojekte zu koordinieren, verschiebt das grundlegende Annahmen darüber, wie und warum sesshafte, komplexe Gesellschaften überhaupt entstanden.

Offene Fragen

  • War Göbekli Tepe primär ein saisonaler Versammlungsort mobiler Gruppen, eine dauerhafte Siedlung mit rituellen Sonderbauten, oder wandelte sich seine Funktion über die Jahrhunderte?
  • Wer organisierte und koordinierte die für die damalige Zeit enormen Bauprojekte, ohne dass eindeutige Belege für zentrale Herrschaftsstrukturen vorliegen?
  • Welche Bedeutung hatten die Tierreliefs und die vermuteten Kalendersymbole tatsächlich?
  • Wie verhält sich Göbekli Tepe zu den benachbarten Taş-Tepeler-Fundstätten wie Karahan Tepe, die teils noch älter datiert werden?

Quellen und Weiterlesen

  1. EBSCO Research Starters, „Göbekli Tepe (archaeological site)“ — Grundlage für Entdeckungsgeschichte, Datierung und Grundcharakteristik der Anlage.
  2. Wikipedia, „Göbekli Tepe” — Grundlage für Eckdaten (Bauzeit, UNESCO-Status, beteiligte Archäolog:innen); vor Veröffentlichung durch Primärpublikationen des DAI zu ersetzen bzw. zu ergänzen.
  3. Wild Hunt, „‚The World’s First Temple’ – New research from Göbekli Tepe” — Darstellung der Kontroverse zwischen Schmidts ursprünglichem „Tempel”-Modell und Lee Clares neueren Befunden zu häuslicher Aktivität; zentrale Quelle für den Abschnitt zu konkurrierenden Deutungen.
  4. Tepe Telegrams (Blog des Deutschen Archäologischen Instituts), Publikationsliste — Beleg für laufende, aktuelle Fachpublikationen von Lee Clare und Kolleg:innen zum Forschungsstand.
  5. gobekli-tepe.com, „Klaus Schmidt: The Archaeologist Who Found Göbekli Tepe” — Einordnung von Schmidts Deutung „Zuerst der Tempel, dann die Stadt” und wie sich die Forschung seither entwickelt hat.
  6. Fachartikel (Time and Mind, 2024) zu astronomischer Symbolik an Göbekli Tepe und Karahan Tepe — verwendet zur vorsichtigen Erwähnung der (nicht konsensfähigen) astronomischen Deutungsversuche.