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Vergessene Zivilisationen

Orte & Monumente

Derinkuyu: Was wir über die unterirdische Stadt wissen

Derinkuyu bot Platz für Tausende – doch wer sie erbaute und wann, ist schwer zu datieren. Bauphasen, Nutzung und offene Fragen.

Kappadokien, Provinz Nevşehir, Zentralanatolien, Türkei4 Min. Lesezeit

Redaktion und Verantwortung: Bartosz Tyce

Redaktionelle Illustration · KI-gestützt erstellt

Kurz erklärt

Derinkuyu in der zentralanatolischen Region Kappadokien ist die größte bekannte von mehreren hundert vermuteten unterirdischen Stadtanlagen der Region — ein bis zu 85 Meter tiefes, mehrstöckiges Höhlensystem aus dem weichen vulkanischen Gestein Tuff, das schätzungsweise bis zu 20.000 Menschen samt Vieh und Vorräten Platz bot. Die Anlage verfügt über Belüftungsschächte, Brunnen, Ställe, Vorratsräume, Kirchen und massive, als Räder geformte Steintüren zur Verteidigung. Weil die Stadt direkt aus gewachsenem Fels gehauen wurde, lässt sie sich mit klassischen archäologischen Datierungsmethoden nur eingeschränkt datieren — ein zentraler Grund, warum ihre genaue Bau- und Nutzungsgeschichte bis heute unsicher bleibt und Raum für populäre, teils stark übertriebene Spekulationen lässt.

Steckbrief

  • Region: Kappadokien, Provinz Nevşehir, Zentralanatolien, Türkei
  • Tiefe: bis zu 85 Meter, mindestens acht Stockwerke
  • Wiederentdeckung: 1963 durch einen Anwohner bei Renovierungsarbeiten
  • Geschätzte Kapazität: bis zu 20.000 Menschen samt Vieh und Vorräten
  • Baumaterial: vulkanischer Tuff, entstanden durch Ablagerung von Vulkanasche über Jahrmillionen

Einordnung von Ort, Zeit und historischem Zusammenhang

Kappadokien liegt auf einem vulkanisch geprägten Hochplateau, dessen weiches Tuffgestein sich vergleichsweise leicht bearbeiten lässt — eine geologische Voraussetzung, ohne die Bauwerke wie Derinkuyu kaum denkbar wären. Der älteste schriftliche Hinweis auf unterirdisch lebende Bevölkerung Anatoliens stammt vom griechischen Historiker Xenophon, der in seinem Werk „Anabasis” von Menschen berichtet, die in ausgehauenen, für ganze Familien samt Vorräten und Tieren ausreichend großen Wohnungen lebten — ein früher, wenn auch nicht eindeutig auf Derinkuyu selbst bezogener Beleg für die Tradition unterirdischen Bauens in der Region.

Die wichtigsten archäologischen Befunde

Derinkuyu selbst umfasst nach heutigem Kenntnisstand mindestens acht zugängliche Stockwerke mit Ställen, Vorratskellern, Küchen, Weinpressen, einer Kirche im untersten zugänglichen Bereich sowie einem rund 54 Meter tiefen Hauptbelüftungsschacht, der zugleich mehrere Brunnen mit Grundwasser versorgte. Massive, radförmige Steintüren ließen sich von innen verriegeln und dienten offensichtlich der Verteidigung gegen Eindringlinge. Nach Schätzungen ist bislang nur rund ein Zehntel der Gesamtanlage öffentlich zugänglich oder überhaupt vollständig erforscht.

Was Forschende daraus ableiten und welche Deutungen es gibt

Zur Frage, wer Derinkuyu ursprünglich anlegte, konkurrieren mehrere Hypothesen. Am meisten Zuspruch unter Fachleuten findet die Zuschreibung an die Phryger, ein eisenzeitliches Volk Anatoliens, das ab etwa dem 8. bis 7. Jahrhundert v. Chr. für vergleichbare monumentale Felsbauten bekannt ist. Eine weitere, weniger gesicherte Hypothese verortet erste, oberste Bauabschnitte bereits in hethitischer Zeit, möglicherweise im Zusammenhang mit Bedrohungen durch einwandernde Gruppen gegen Ende der Bronzezeit. Unabhängig von den ursprünglichen Erbauern gilt als gut belegt, dass die Anlage über Jahrhunderte hinweg erheblich erweitert wurde: Insbesondere zwischen dem 8. und 12. Jahrhundert n. Chr., während der jahrhundertelangen militärischen Auseinandersetzungen zwischen dem Byzantinischen Reich und arabischen Invasoren, nutzten und vergrößerten christliche Gemeinden die unterirdischen Städte Kappadokiens vermutlich als Zufluchtsorte — worauf unter anderem in die Wände gehauene Kirchenräume und christliche Symbole hindeuten.

Was als gut belegt gilt und was noch offen oder umstritten ist

Gut belegt ist die byzantinisch-christliche Nutzung und Erweiterung der Anlage als Zufluchtsort während der arabisch-byzantinischen Konflikte. Deutlich unsicherer ist die früheste Bauphase: Da die Stadt direkt aus dem gewachsenen Fels gehauen wurde, fehlen ihr die für klassische archäologische Datierungsmethoden nötigen stratifizierten Fundschichten oder organischen Materialien in eindeutigem Baukontext — entsprechend beruhen Zuschreibungen an Phryger oder Hethiter überwiegend auf stilistischen Vergleichen mit anderen, besser datierbaren Fundstätten der jeweiligen Kulturen, nicht auf einer direkten Datierung Derinkuyus selbst.

Warum das Thema für unser Geschichtsbild relevant ist

Derinkuyu zeigt eindrücklich, wie unterschiedliche Gesellschaften über Jahrhunderte hinweg dasselbe Bauwerk für unterschiedliche Zwecke weiternutzten und erweiterten — von möglichem frühem Schutz vor kriegerischen Bedrohungen bis zur religiös motivierten Zuflucht christlicher Gemeinden. Zugleich macht die Fundstätte deutlich, wie Datierungsunsicherheiten bei aus Fels gehauenen Bauwerken Raum für populäre Übertreibungen schaffen — von Fluchtmythen bis hin zu spekulativen außerirdischen Erklärungen, die in der öffentlichen Debatte kursieren, aber keinerlei fachliche Grundlage haben.

Offene Fragen

  • Wann genau begann der Bau von Derinkuyu tatsächlich, und lassen sich Phryger und Hethiter zuverlässiger nachweisen als durch stilistischen Vergleich?
  • Wie viele der geschätzten mehreren hundert unterirdischen Städte Kappadokiens sind bislang überhaupt systematisch untersucht worden?
  • Welchem konkreten Zweck dienten die ältesten, am wenigsten gesicherten Bauabschnitte, bevor die byzantinisch-christliche Nutzung einsetzte?

Quellen und Weiterlesen

  1. The Maritime Explorer, „Derinkuyu Underground City, Cappadocia” — Grundlage für die Chronologie der byzantinisch-christlichen Nutzung zwischen dem 8. und 12. Jahrhundert sowie die Anzahl vermuteter Fundstätten der Region.
  2. Sometimes Interesting, „Derinkuyu & The Underground Cities of Cappadocia” — zentrale Quelle für die Datierungsproblematik bei aus Fels gehauenen Bauwerken sowie den frühen schriftlichen Beleg bei Xenophon.
  3. Grokipedia, „Derinkuyu underground city” — Grundlage für die differenzierte Darstellung der Phryger- und Hethiter-Hypothesen sowie deren jeweiligen Evidenzgrad; als KI-gestützt erstellte Quelle nur ergänzend verwendet.
  4. Ancient Origins, „Who Built This City? Underground Derinkuyu, and the Rock Churches of Göreme” — Grundlage für technische Details (Belüftungsschacht, Wiederentdeckung 1963) sowie Hinweise auf spätere christliche Nutzung.
  5. Ancient Origins, „Home to 20,000, But Who Built it? The Underground City of Derinkuyu” — Grundlage für die Erwähnung kursierender außerirdischer Spekulationen als Beispiel unbelegter Übertreibungen.