Kurz erklärt
Stratigrafie ist die Untersuchung der Abfolge von Erd- und Ablagerungsschichten an einem archäologischen Fundort. Ihr Grundprinzip, das Überlagerungsgesetz, besagt: In einer ungestörten Abfolge liegen jüngere Schichten über älteren. Aus dieser einfachen Regel lässt sich eine relative zeitliche Reihenfolge von Fundschichten und den darin enthaltenen Objekten rekonstruieren — auch ohne dass ein konkretes Alter in Jahren bekannt ist. Die Stratigrafie bildet damit die Grundlage praktisch jeder archäologischen Ausgrabung, muss aber sorgfältig gegen nachträgliche Störungen wie Gruben, grabende Tiere oder spätere menschliche Eingriffe abgesichert werden.
Das Prinzip
Neben dem Überlagerungsgesetz gelten zwei weitere Grundprinzipien: das Prinzip der ursprünglichen Horizontalität, wonach die meisten natürlichen Ablagerungsschichten ursprünglich waagerecht abgelagert wurden, sowie das Prinzip der Schnittbeziehungen, wonach ein Merkmal, das eine Schicht durchschneidet — etwa eine Grube oder ein Graben —, jünger sein muss als die durchschnittene Schicht selbst. Zusammen erlauben diese drei Prinzipien, aus dem physischen Befund einer Ausgrabung eine belastbare relative Chronologie abzuleiten.
Die Harris-Matrix
Der britische Archäologe Edward Harris entwickelte in den 1970er-Jahren ein grafisches System zur systematischen Darstellung stratigrafischer Beziehungen, die sogenannte Harris-Matrix. Sie erlaubt es, jede einzelne stratigrafische Einheit eines Fundorts mit genau drei möglichen Beziehungen zu benachbarten Einheiten zu erfassen und daraus ein vollständiges, überprüfbares Sequenzdiagramm der gesamten Ausgrabung zu erstellen. Da die physische Ausgrabung selbst die untersuchten Schichten unwiederbringlich zerstört, ist die sorgfältig geführte Harris-Matrix oft die einzige Möglichkeit, die stratigrafische Struktur eines Fundorts im Nachhinein noch nachzuvollziehen und zu überprüfen. Die Methode gilt heute als De-facto-Standard der archäologischen Ausgrabungsdokumentation, besonders bei komplexen, vielschichtigen Stadtfundorten mit tausenden einzelnen stratigrafischen Einheiten.
Störungen und Grenzen
Stratigrafische Abfolgen sind selten vollständig ungestört. Natürliche Prozesse wie Bioturbation — etwa das Graben von Tieren oder Wurzelwachstum — sowie spätere menschliche Eingriffe wie Gruben, Brunnen oder Fundamente können Material zwischen eigentlich getrennten Schichten vermischen oder die ursprüngliche Abfolge durchbrechen. Solche Störungen werden in einer sorgfältig geführten Harris-Matrix als sogenannte problematische Beziehungen oder Schleifen sichtbar, die auf Ausgrabungs- oder Dokumentationsfehler beziehungsweise auf tatsächliche nachträgliche Störungen hindeuten und gezielt geprüft werden müssen. Grundsätzlich gilt: Ein Fund innerhalb einer Schicht ist immer nur so alt wie die Schicht selbst — er könnte jedoch aus einer älteren Schicht stammen und sekundär in eine jüngere gelangt sein, etwa durch genau solche Störungsprozesse. Die Stratigrafie allein liefert daher nur eine relative Alterseinordnung; für ein konkretes Datum in Jahren muss sie mit absoluten Datierungsmethoden wie der Radiokarbonmethode kombiniert werden.
Ein konkretes Anwendungsbeispiel
An großen, über Jahrhunderte mehrfach überbauten Stadtfundorten wie antiken Siedlungshügeln (Tells) im Nahen Osten können sich dutzende, teils hunderte übereinanderliegende Bau- und Nutzungsphasen ansammeln. Erst eine systematisch geführte Harris-Matrix macht es möglich, aus dieser komplexen Abfolge eine nachvollziehbare Chronologie der verschiedenen Siedlungsphasen zu rekonstruieren — kombiniert mit gezielten Radiokarbondatierungen einzelner, eindeutig zuordenbarer organischer Proben aus bestimmten stratigrafischen Einheiten.
Quellen und Weiterlesen
- Wikipedia, „Harris matrix” — Grundlage für die Entstehungsgeschichte, die drei möglichen Beziehungstypen und den Hinweis auf problematische „Schleifen” in der Matrix.
- HarrisMatrix.com, „Principles of Archaeological Stratigraphy” — Grundlage für die Einordnung von Edward Harris’ Originalwerk und das Konzept der Einzelflächenplanung.
- Internet Archaeology, „The Matrix: Connecting Time and Space in Archaeological Stratigraphic Records and Archives” — Grundlage für die Beschreibung der Harris-Matrix als De-facto-Standard und ihre Funktion als „stratigrafisches Skelett” eines Fundorts.
- Fiveable Study Guide, „Interpretation of Stratigraphic Sequences” — Grundlage für die Beschreibung von Störungsprozessen (Bioturbation, Gruben) und die Kombination relativer mit absoluten Datierungsmethoden.
- StudySmarter, „Archaeological Stratigraphy: Harris Principles & Techniques” — Grundlage für die Zusammenfassung der drei stratigrafischen Grundprinzipien (Überlagerung, Horizontalität, Schnittbeziehungen).
