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Vergessene Zivilisationen

So arbeitet Archäologie

Isotopenanalyse: Ernährung, Herkunft und Mobilität rekonstruieren

Strontium, Sauerstoff, Kohlenstoff und Stickstoff in Zähnen und Knochen verraten, wo Menschen aufwuchsen und was sie aßen. Methode und Grenzen.

3 Min. Lesezeit

Redaktion und Verantwortung: Bartosz Tyce

Redaktionelle Illustration · KI-gestützt erstellt

Kurz erklärt

Isotopenanalysen messen das Verhältnis unterschiedlich schwerer Varianten (Isotope) desselben chemischen Elements in Knochen, Zähnen oder anderen biologischen Geweben. Weil dieses Verhältnis von der Umwelt und Ernährung eines Menschen oder Tieres zu Lebzeiten geprägt wird, lassen sich daraus direkte Rückschlüsse auf Ernährungsgewohnheiten, geografische Herkunft und Mobilität ziehen — Informationen, die aus Grabbeigaben oder Knochenform allein oft nicht zugänglich wären. Am häufigsten genutzt werden dafür die Elemente Kohlenstoff, Stickstoff, Sauerstoff und Strontium.

Kohlenstoff- und Stickstoffisotope: Ernährung

Kohlenstoff-Isotopenverhältnisse (δ13C) erlauben eine Unterscheidung zwischen verschiedenen Pflanzentypen in der Nahrung — etwa zwischen sogenannten C3-Pflanzen wie Weizen und Reis und C4-Pflanzen wie Mais oder Hirse — sowie zwischen mariner und terrestrischer Nahrung. Stickstoff-Isotopenverhältnisse (δ15N) steigen mit der Position in der Nahrungskette an und erlauben Rückschlüsse darauf, wie stark tierisches Protein, insbesondere aus dem Meer, in der Ernährung vertreten war. Kombiniert liefern beide Werte ein differenziertes Bild der Ernährungsgewohnheiten einer untersuchten Person oder Bevölkerungsgruppe.

Sauerstoff- und Strontiumisotope: Herkunft und Mobilität

Sauerstoff-Isotopenverhältnisse (δ18O) in Knochen und Zahnschmelz spiegeln die Isotopenzusammensetzung des lokal konsumierten Trinkwassers wider — vereinfacht gesagt: „Man ist, was man trinkt.” Da sich diese Werte regional unterscheiden, lassen sich Menschen, die als Kinder anderswo aufwuchsen, oft anhand abweichender Sauerstoffwerte im früh gebildeten Zahnschmelz als nicht-lokale Individuen identifizieren. Strontiumisotope (⁸⁷Sr/⁸⁶Sr) gelangen über Gestein, Boden und die Nahrungskette in den Körper und spiegeln die geologische Beschaffenheit der Herkunftsregion wider. Da sich Zahnschmelz im Kindesalter bildet und danach nicht mehr verändert, „speichert” er quasi den geografischen Herkunftsort einer Person, während Knochengewebe sich im Lauf des Lebens fortlaufend erneuert und eher die letzten Lebensjahre widerspiegelt — ein Umstand, der es erlaubt, Herkunft und späteren Wohnort ein und derselben Person direkt zu vergleichen.

Isoscapes und ergänzende Isotope

Um gemessene Isotopenwerte überhaupt geografisch einordnen zu können, erstellen Forschende so genannte Isoscapes — flächendeckende Karten der natürlichen Isotopenverteilung einer Region, inzwischen zunehmend mithilfe maschinellen Lernens aus geologischen und klimatischen Variablen modelliert. Neben den vier Hauptelementen kommen ergänzend auch Schwefelisotope (δ34S) zum Einsatz, die zusätzliche, teils unabhängige Hinweise auf Ernährung und Herkunft liefern und sich in Kombination mit Strontiumdaten zur Bestätigung nicht-lokaler Individuen eignen.

Fehlerquellen und Grenzen

Isotopenwerte lassen sich nur dann sinnvoll interpretieren, wenn ein verlässlicher Vergleichsrahmen für die untersuchte Region existiert — fehlt eine ausreichend präzise Isoscape, bleibt die geografische Zuordnung unsicher. Zudem können unterschiedliche Regionen ähnliche Isotopensignaturen aufweisen, sodass ein „nicht-lokaler” Befund allein selten eine eindeutige Herkunftsregion benennen kann, sondern eher lokale von nicht-lokalen Individuen unterscheidet. Auch Zubereitungsprozesse wie Kochen können nachweislich geringe, aber messbare Verschiebungen einzelner Isotopenwerte verursachen, die bei der Interpretation berücksichtigt werden müssen.

Ein konkretes Anwendungsbeispiel

Eine Untersuchung an Gräberfeldern der Trzciniec-Kultur im bronzezeitlichen Ostmitteleuropa kombinierte Strontium- und Sauerstoffisotope im Zahnschmelz von 34 Individuen, um deren Mobilität zu untersuchen. Nur eine erwachsene Frau erwies sich anhand beider Werte übereinstimmend als nicht-lokal — ein Befund, der zur Hypothese passt, dass Frauen in dieser Gesellschaft möglicherweise durch Heirat in eine andere Gemeinschaft wechselten (Exogamie), während die untersuchte Bevölkerung insgesamt eine eher begrenzte räumliche Mobilität aufwies — im Einklang mit unabhängigen archäologischen und anthropologischen Befunden zur selben Fragestellung.


Quellen und Weiterlesen

  1. Nature Index, „Isotope Analysis in Archaeological Contexts” — Grundlage für die Übersicht der vier Hauptisotope sowie die Beschreibung moderner, maschinell gelernter Isoscapes.
  2. UCF Anthropology, „Stable Isotope Sciences in Anthropology” — Grundlage für das Grundprinzip von Sauerstoff- und Strontiumisotopen zur Mobilitätsforschung.
  3. PMC, Studie zur Trzciniec-Kultur, „Assessing the mobility of Bronze Age societies in East-Central Europe” — zentrale Quelle für das konkrete Anwendungsbeispiel zu Strontium-/Sauerstoffisotopen und der Exogamie-Hypothese.
  4. Springer Nature Link, „Isotope data in Migration Period archaeology: critical review and future directions” — Grundlage für die kombinierte Nutzung mehrerer Isotope zur Absicherung von Herkunftsbestimmungen.
  5. PMC, „Sulfur isotopes as a proxy for human diet and mobility from the preclassic through colonial periods in the Eastern Maya lowlands” — Grundlage für die ergänzende Rolle von Schwefelisotopen.
  6. Academia.edu, „Dietary reconstruction, mobility and the analysis of ancient skeletal tissues” — Grundlage für die Unterscheidung zwischen Zahnschmelz (Kindheitssignal) und Knochenkollagen (spätere Lebensjahre).