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Vergessene Zivilisationen

Kulturen & Gesellschaften

Cahokia und die mississippischen Kulturen Nordamerikas

Cahokia war größer als London um 1150 – mit Erdhügeln, Sonnenkalender und Fernhandel. Aufstieg, Alltag und ungeklärter Niedergang.

Mississippi-Flussniederung nahe der heutigen Stadt St. Louis, Illinois, USAetwa 700–1350/1400 n. Chr., Bevölkerungshöhepunkt etwa 1050–1150 n. Chr.4 Min. Lesezeit

Redaktion und Verantwortung: Bartosz Tyce

Weite Grasfläche und der große Erdhügel Monks Mound in Cahokia
Blick in Richtung Monks Mound, dem größten erhaltenen Erdhügel des urbanen Zentrums Cahokia.Bild: Visviva / Wikimedia Commons · CC0 1.0 · Webzuschnitt

Kurz erklärt

Cahokia nahe der heutigen Stadt Collinsville in Illinois war zwischen etwa 1050 und 1150 n. Chr. die größte präkolumbische Siedlung nördlich Mexikos und zugleich das bedeutendste Zentrum der sogenannten Mississippi-Kultur. Mit einer Bevölkerung, die Schätzungen zufolge zwischen 10.000 und über 20.000 Menschen umfasste, war Cahokia zu dieser Zeit größer als London oder Paris — eine Stadtgröße, die in den heutigen USA erst wieder im 19. Jahrhundert erreicht wurde. Charakteristisch sind über 100 künstlich aufgeschüttete Erdhügel (Mounds), allen voran das monumentale Monks Mound, sowie Belege für einen ausgeklügelten Sonnenkalender. Der Grund für den Niedergang Cahokias ab dem 13. Jahrhundert ist bis heute nicht abschließend geklärt.

Steckbrief

  • Region: Mississippi-Flussniederung nahe der heutigen Stadt St. Louis, Illinois, USA
  • Zeitraum: etwa 700–1350/1400 n. Chr., Bevölkerungshöhepunkt etwa 1050–1150 n. Chr.
  • Ausdehnung: ursprünglich rund 120 Erdhügel auf etwa 16 Quadratkilometern
  • Wichtigstes Bauwerk: Monks Mound, mit einer Grundfläche größer als die der Cheops-Pyramide
  • Status: UNESCO-Welterbe seit 1982

Raum und Zeit

Cahokia entstand an einem strategisch günstigen Ort nahe dem Zusammenfluss von Mississippi und Missouri, in einer fruchtbaren Flussniederung, die intensiven Maisanbau ermöglichte. Die Siedlung wurde ab etwa 700 n. Chr. bewohnt und erlebte um 1050 n. Chr. ein rasches, von manchen Fachleuten als „Urknall” bezeichnetes Bevölkerungs- und Bauwachstum, das bis etwa 1150 n. Chr. anhielt. Um 1350–1400 n. Chr. war die Stadt vollständig verlassen.

Gesellschaft und Alltag

Cahokia war Zentrum eines größeren Siedlungsraums mit hunderten umliegenden Häusern und weiteren Mound-Zentren; wird das gesamte „Greater Cahokia” einschließlich des ländlichen Umlands mitgezählt, gehen manche Schätzungen von insgesamt 30.000 bis über 60.000 Menschen in der Region aus. Die Gesellschaft war deutlich hierarchisch gegliedert, wie Grabfunde zeigen: Der sogenannte „Beaded Burial” in Hügel 72 zeigt einen Mann, der auf einem Bett aus rund 20.000 Muschelperlen in Form eines Falken bestattet wurde — ein wiederkehrendes Motiv der mississippischen Kunst, das auf eine bedeutende gesellschaftliche oder religiöse Stellung des Bestatteten hindeutet.

Herrschaft

Der Umfang der öffentlichen Bauprojekte, allen voran Monks Mound, deutet auf eine zentrale religiöse und politische Autorität hin, die in der Lage war, über längere Zeiträume große Mengen an Arbeitskraft zu koordinieren — vermutlich eine Kombination aus religiöser und politischer Führung durch eine Priester-Elite. Um etwa 1175 n. Chr. wurde das zentrale Zeremonialgebiet zusätzlich von einer massiven hölzernen Palisade mit Verteidigungstürmen umschlossen — ein Hinweis darauf, dass die Stadt trotz ihrer Macht mit äußeren Bedrohungen oder inneren gesellschaftlichen Spannungen konfrontiert war.

Wirtschaft und Austausch

Die Wirtschaft Cahokias beruhte auf intensivem Maisanbau, ergänzt durch ein ausgedehntes Handelsnetz, das Güter von der Golfküste bis zu den Großen Seen miteinander verband. Archäologische Funde von „Chunkey”-Spielscheiben — verwendet für ein traditionelles, in weiten Teilen des mississippischen Kulturraums verbreitetes Wurfspiel — an weit entfernten Fundorten deuten darauf hin, dass Cahokia neben Handelsgütern auch kulturelle Praktiken über große Distanzen exportierte.

Religion und Wissen

Westlich von Monks Mound entdeckten Archäolog:innen eine kreisförmige Anordnung großer Pfostenlöcher, die als „Woodhenge” bekannt ist. Von einem zentralen Beobachtungspunkt aus ließ sich mit diesen Pfosten der Sonnenaufgang exakt zu den Sommer- und Wintersonnenwenden sowie den Tagundnachtgleichen verfolgen — ein astronomisches Instrument, das vermutlich sowohl rituelle als auch praktische landwirtschaftliche Bedeutung für die Bestimmung von Aussaat- und Erntezeiten hatte.

Archäologische Quellen

Da schriftliche Quellen aus Cahokia selbst fehlen, stützt sich das heutige Wissen vollständig auf archäologische Ausgrabungen der Mound-Anlagen, Siedlungsspuren, Grabfunde wie den „Beaded Burial” sowie auf astronomische Rekonstruktionen wie die des Woodhenge. Cahokia wird bereits seit dem späten 19. Jahrhundert systematisch archäologisch erforscht.

Wandel und Kontinuitäten

Ab etwa dem beginnenden 13. Jahrhundert begann Cahokias Bevölkerung zu schrumpfen; die Stadt war bis etwa 1350–1400 n. Chr. vollständig aufgegeben. Die genauen Ursachen dieses Niedergangs sind bis heute nicht abschließend geklärt; diskutiert werden unter anderem Ressourcenerschöpfung (etwa durch übermäßige Abholzung des Umlands für Bauholz), klimatische Veränderungen sowie innergesellschaftliche und möglicherweise auch militärische Spannungen, worauf die spätere Palisadenbefestigung hindeutet. Cahokia selbst wurde aufgegeben, doch mississippisch geprägte Bevölkerungsgruppen zogen in andere Regionen weiter, wo ihre kulturellen Traditionen bis zur Zeit der europäischen Kolonisierung fortbestanden — die Rede von einem „verschwundenen” Volk der Mound-Builder, wie sie im 19. Jahrhundert verbreitet war, greift daher zu kurz. Heutige indigene Gemeinschaften mit historischen Verbindungen zur Mississippi-Kultur bestehen fort.

Offene Fragen

  • Welches genaue Gewicht hatten Ressourcenerschöpfung, klimatische Veränderungen und innergesellschaftliche Konflikte beim Niedergang Cahokias?
  • Wozu diente die um 1175 n. Chr. errichtete Palisade konkret — Verteidigung gegen äußere Angreifer, Ausdruck innerer sozialer Spannungen, oder beides?
  • Wie genau lässt sich die Bevölkerungszahl von „Greater Cahokia” inklusive des ländlichen Umlands methodisch absichern, angesichts der stark schwankenden Schätzungen in der Forschung?

Quellen und Weiterlesen

  1. UNESCO-Welterbedokumentation, „Cahokia Mounds State Historic Site” — Grundlage für offizielle Chronologie, Flächenangaben und Bevölkerungsschätzung.
  2. Britannica, „Cahokia Mounds” — Grundlage für die Einordnung als Zentrum der Mississippi-Kultur und die Vermutung einer priesterlich-religiösen Führungsschicht.
  3. EBSCO Research Starters, „Cahokia Becomes the First North American City” — Grundlage für die breite Bevölkerungsspanne (10.000 bis über 40.000) und die Einordnung der geografischen Lage.
  4. The Archaeologist, „The Cahokia Mounds: The Rise and Fall of a Mississippi Metropolis” — zentrale Quelle für Woodhenge, den „Beaded Burial” in Hügel 72, Chunkey-Spielscheiben und die Palisade von 1175 n. Chr.
  5. Mythic Mississippi Project (University of Illinois), „Ancient Cahokia and the Mississippian Culture” — Grundlage für Bevölkerungsschätzungen von „Greater Cahokia” inklusive Umland sowie den Vergleich mit europäischen Städten der Zeit.
  6. Medium/John J. Dunphy, „A Brief History of Cahokia Mounds” — Grundlage für die Beschreibung von Monks Mound im Größenvergleich zur Cheops-Pyramide.