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Vergessene Zivilisationen

Rätsel & Behauptungen

Gunung Padang: Ist der Hügel eine 20.000 Jahre alte Pyramide?

Eine Studie erklärte Gunung Padang zur ältesten Pyramide der Welt – dann wurde sie zurückgezogen. Was tatsächlich belegt ist und was nicht.

3 Min. Lesezeit

Redaktion und Verantwortung: Bartosz Tyce

Redaktionelle Illustration · KI-gestützt erstellt

Die Behauptung

Eine 2023 in der Fachzeitschrift „Archaeological Prospection” veröffentlichte Studie eines Teams um den indonesischen Geologen Danny Hilman Natawidjaja behauptete, unter der sichtbaren, gestuften Terrassenanlage von Gunung Padang in Westjava befinde sich eine mehrschichtige, von Menschen errichtete „Pyramide”, deren älteste Bauschicht bis zu 25.000 Jahre alt sei — deutlich älter als jedes bislang bekannte menschengemachte Monumentalbauwerk weltweit.

Kurzes Urteil

Die Studie, auf der diese Behauptung beruhte, wurde im März 2024 vom Fachjournal selbst zurückgezogen, nachdem unabhängige Fachleute aus Geophysik, Archäologie und Radiokarbondatierung auf einen zentralen methodischen Fehler hingewiesen hatten. Die Behauptung einer 25.000 Jahre alten, menschengemachten Pyramide gilt nach diesem Fehler als nicht haltbar. Unstrittig bleibt dagegen, dass Gunung Padang selbst ein reales, bedeutendes und tatsächlich von Menschen gestaltetes megalithisches Bauwerk ist — nur eben ohne die behauptete extreme Altersangabe für seine tiefsten Schichten.

Der nachvollziehbare Prüfpfad

Was untersucht wurde. Das Forschungsteam kombinierte bodenradargestützte Untersuchungen, seismische Messungen und Bohrkerne, um mehrere übereinanderliegende „Einheiten” unterhalb der sichtbaren Steinterrassen zu identifizieren. Die oberste, sichtbare Terrassenanlage — von der lokalen Bevölkerung als „Punden Berundak” (gestufte Pyramide) bezeichnet und seit Langem als von Menschen errichtet anerkannt — wurde nicht infrage gestellt.

Der zentrale Fehler. Für die tieferen, angeblich bis zu 25.000 Jahre alten Schichten stützte sich die Altersangabe auf Radiokarbondatierungen von organischem Material aus dem umgebenden Erdreich. Unabhängige Fachleute wiesen jedoch darauf hin, dass dieses Material nicht nachweisbar mit einer menschlichen Nutzungsschicht oder Bauaktivität in Verbindung stand — es handelte sich, vereinfacht gesagt, um natürlich abgelagerten Boden, dessen hohes Alter nichts darüber aussagt, wann oder ob an dieser Stelle Menschen bauten.

Die Reaktion der Fachwelt. Nach Veröffentlichung meldeten mehrere Fachleute aus Geophysik, Archäologie und Radiokarbondatierung öffentlich und gegenüber der Zeitschrift Bedenken an. Die Herausgeber:innen von „Archaeological Prospection” prüften diese Einwände und zogen den Artikel im März 2024 offiziell zurück — mit der ausdrücklichen Begründung, die berichteten Datierungen ließen sich nicht zuverlässig mit menschlicher Bauaktivität in Verbindung bringen. Die Autor:innen selbst stimmten der Retraktion nicht zu.

Was von Gunung Padang bleibt. Die oberirdisch sichtbare, gestufte Steinterrassenanlage von Gunung Padang ist ein real existierendes, beeindruckendes und unstrittig von Menschen errichtetes Bauwerk, umgeben von weiteren megalithischen Fundstätten der Region. Frühere, vorsichtigere Datierungen ordnen diesen sichtbaren Teil in den Kontext regionaler megalithischer Kulturen ein, ohne die inzwischen zurückgezogene Extremdatierung.

Welche Evidenz das Urteil ändern könnte

Sollten künftige Untersuchungen eindeutiges, direkt mit menschlicher Bauaktivität verknüpftes datierbares Material aus den tieferen Schichten vorlegen — etwa Holzkohle, Werkzeugreste oder Bauschutt in eindeutigem stratigrafischem Zusammenhang —, müsste die Altersfrage neu bewertet werden. Bislang liegt eine solche Evidenz nicht vor.

Warum dieser Fall lehrreich ist

Der Fall Gunung Padang zeigt, dass auch scheinbar seriöse, in einer referierten Fachzeitschrift veröffentlichte Studien fehlerhaft sein können — und dass wissenschaftliche Selbstkorrektur, so unangenehm sie im Einzelfall ist, funktioniert: Fachleute meldeten sich öffentlich zu Wort, die Zeitschrift prüfte die Einwände und zog den Artikel zurück. Gleichzeitig verdeutlicht der Fall, wie schnell sich eine einmal verbreitete Sensationsmeldung („älteste Pyramide der Welt”) in der öffentlichen Wahrnehmung verselbstständigt und auch nach der Retraktion weiterverbreitet wird.


Quellen und Weiterlesen

  1. Wiley Online Library, offizielle Retraktionsnotiz zu Natawidjaja et al. (2023), „Archaeological Prospection” — Primärquelle für die Begründung der Retraktion durch die Zeitschriften-Herausgeber:innen.
  2. Southeast Asian Archaeology (Blog von Dr. Natalie Piddock/Fachautor:in der Region), „Gunung Padang Paper Retraction: A Roundup” — Zusammenfassung der Medienberichterstattung und fachlichen Reaktionen; verwendet zur Einordnung des zeitlichen Ablaufs.
  3. Artnet News, „A Controversial Study on a ‘Prehistoric Pyramid’ in Indonesia Is Retracted” — Grundlage für Einordnung durch Archäologe Flint Dibble (Cardiff University) sowie Hinweis auf bereits bestehende lokale archäologische Forschung zum Fundort.
  4. ScienceAlert, ursprünglicher Artikel mit nachträglichem Retraktionshinweis — Grundlage für die Darstellung der ursprünglichen Behauptung und der verwendeten Methoden (Bodenradar, Bohrkerne, seismische Messungen).
  5. The Archaeologist, „Gunung Padang: Indonesia’s Buried Pyramid Older Than Egypt” — Grundlage für die Beschreibung der einzelnen postulierten Bauschichten („Units”) und die Einordnung des unstrittigen oberirdischen Teils als „Punden Berundak”.