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Vergessene Zivilisationen

Rätsel & Behauptungen

Great Zimbabwe: Wie der Mythos fremder Erbauer entstand

Great Zimbabwe wurde jahrzehntelang fälschlich fremden Erbauern zugeschrieben. Wie der koloniale Mythos entstand – und wie er widerlegt wurde.

3 Min. Lesezeit

Redaktion und Verantwortung: Bartosz Tyce

Redaktionelle Illustration · KI-gestützt erstellt

Die Behauptung

Über Jahrzehnte hinweg behaupteten europäische Beobachter, Kolonialbeamte und selbst frühe Archäologen, die eindrucksvollen Steinbauten Great Zimbabwes im heutigen Simbabwe könnten unmöglich von den vor Ort lebenden afrikanischen Gesellschaften errichtet worden sein. Stattdessen kursierten Zuschreibungen an Phönizier, Araber oder gar die biblische Königin von Saba.

Kurzes Urteil

Die Behauptung fremder Erbauerschaft ist archäologisch eindeutig widerlegt. Great Zimbabwe wurde nachweislich von den Vorfahren der heutigen Shona-sprachigen Bevölkerung errichtet. Der jahrzehntelange gegenteilige Mythos war keine neutrale wissenschaftliche Fehleinschätzung, sondern eng mit kolonialer Ideologie verknüpft, die afrikanischen Gesellschaften pauschal die Fähigkeit zu komplexer Zivilisation absprechen wollte.

Der nachvollziehbare Prüfpfad

Die Entstehung des Mythos. Die Legende einer fremden Erbauerschaft reicht bis zu portugiesischen Händlerberichten des 16. Jahrhunderts zurück, die von einem Königreich im Inneren Afrikas berichteten und dieses mit biblischen Erzählungen von Salomos Goldminen und der Königin von Saba verknüpften. Diese Verbindung prägte spätere europäische Vorstellungen über den Fundort erheblich, lange bevor er überhaupt systematisch untersucht wurde.

Frühe, ideologisch gefärbte Ausgrabungen. Als europäische Forschende Great Zimbabwe im späten 19. Jahrhundert erstmals systematischer untersuchten, erklärten sie die Anlage in Übereinstimmung mit vorherrschenden kolonialen Vorurteilen für das Werk einer nicht näher benannten „Mischlingsrasse”, deren Väter zwangsläufig weiße Invasoren aus dem Norden gewesen sein müssten — eine Deutung, die sich nicht aus den Funden selbst ergab, sondern aus der vorgefassten Überzeugung, afrikanische Bevölkerungen seien zu einer derartigen Bauleistung nicht fähig. Ein 1902 veröffentlichter Bericht des Ausgräbers Richard Hall bekräftigte diese Fehldeutung mit dem Verweis auf angeblich „eindeutig” phönizische oder arabische Architektur.

Politischer Nutzen der Fehldeutung. Diese falsche Zuschreibung war kein Zufall, sondern diente einem konkreten politischen Zweck: Das kolonialrhodesische Projekt unter Cecil Rhodes stützte sich auf die Vorstellung, das besiedelte Land sei vor der europäischen Ankunft im Wesentlichen „geschichtslos” gewesen. Eine steinerne Stadt mit rund 900.000 verbauten Blöcken, die von einem hochentwickelten, am Handel über den Indischen Ozean beteiligten afrikanischen Staat zeugte, widersprach dieser Rechtfertigungserzählung fundamental — und wurde deshalb systematisch umgedeutet.

Die archäologische Richtigstellung. Bereits die systematischen Ausgrabungen David Randall-MacIvers (1905) und insbesondere Gertrude Caton-Thompsons (1929) erbrachten anhand stratifizierter, datierbarer Fundschichten eindeutige Belege für eine durchgehend afrikanische, Bantu-sprachige materielle Kultur — Keramik, Alltagsgegenstände und Bautechnik ließen sich lückenlos der Vorfahrenschaft der heutigen Shona zuordnen. Caton-Thompson erklärte nach ihren Untersuchungen unmissverständlich, die Ruinen seien „definitiv einheimischen Ursprungs”. Es fanden sich in den ältesten Fundschichten keinerlei phönizische, arabische oder anderweitig fremde Gegenstände, die eine externe Gründerschaft gestützt hätten.

Fortgesetzter politischer Widerstand gegen die Richtigstellung. Trotz dieser klaren archäologischen Befunde übte die weiße Minderheitsregierung Rhodesiens bis in die 1970er-Jahre hinein politischen Druck auf Archäolog:innen aus, die afrikanische Urheberschaft nicht öffentlich zu bestätigen — ein Beispiel dafür, wie politische Interessen wissenschaftliche Erkenntnisse über Jahrzehnte hinweg aktiv zurückhalten können, selbst wenn die fachliche Beweislage längst eindeutig ist.

Was heute gilt

Great Zimbabwe gilt heute unter Fachleuten zweifelsfrei als Werk der Vorfahren der Shona-Bevölkerung und ist als UNESCO-Welterbe anerkannt; das Land, das heutige Simbabwe, trägt seinen Namen zu Ehren dieses Erbes. Radiokarbondatierungen bestätigen die Hauptbauphase auf das 11. bis 15. Jahrhundert n. Chr., vollständig im Rahmen der bekannten Geschichte der Region.

Welche Evidenz das Urteil ändern könnte

Angesichts der eindeutigen, mehrfach unabhängig bestätigten stratigrafischen Befunde wäre eine Revision der afrikanischen Urheberschaft nur durch fundamental neue, bislang völlig unbekannte Fundschichten mit nachweisbar fremdem Ursprung denkbar. Ein solcher Fund liegt nicht vor und ist angesichts der Beweislage nicht zu erwarten.

Warum dieser Fall wichtig bleibt

Great Zimbabwe zeigt exemplarisch, wie politische Ideologie archäologische Deutung über Jahrzehnte hinweg verzerren kann, selbst gegen eindeutige fachliche Evidenz. Der Fall mahnt zur Wachsamkeit gegenüber ähnlichen Mustern der Abwertung nicht-europäischer Urheberschaft, wie sie sich in abgeschwächter Form auch bei anderen Fundstätten weltweit zeigen.


Quellen und Weiterlesen

Dieser Faktencheck vertieft die bereits im Kulturprofil zu Great Zimbabwe (K09) recherchierten Quellen, insbesondere:

  1. Scientific American, „Great Zimbabwe” (2005) — zentrale Quelle für die Ophir-/Königin-von-Saba-Legende, Richard Halls fehlgeleiteten Bericht von 1902 und die politische Dimension der Fehldeutung.
  2. World History Encyclopedia, „The Impact of Prejudice on the History of Great Zimbabwe” — Grundlage für die Einordnung des kolonialen Vorurteils und die heutige UNESCO-Anerkennung.
  3. Studio Matrx, „Great Zimbabwe: Africa’s Mortarless Stone Architecture” — zentrale Quelle für die Ausgrabungen Randall-MacIvers und Caton-Thompsons sowie den fortgesetzten politischen Druck bis in die 1970er-Jahre.
  4. Ancient Civilizations, „Great Zimbabwe: Africa’s Medieval Stone City” — Grundlage für Caton-Thompsons wörtliches Zitat zur „definitiv einheimischen” Herkunft sowie die Aufzählung der Belege (Radiokarbondatierung, Fundkultur, fehlende fremde Artefakte).