Die Behauptung
Seit 2005 behauptet der bosnisch-amerikanische Geschäftsmann Semir Osmanagić, mehrere markante, dreieckig geformte Hügel bei der Stadt Visoko in Bosnien und Herzegowina — allen voran der Hügel Visočica, von ihm „Pyramide der Sonne” genannt — seien tatsächlich von Menschen errichtete, bis zu 12.000 Jahre alte Pyramiden, älter und größer als die ägyptischen Pyramiden von Gizeh.
Kurzes Urteil
Die Behauptung ist wissenschaftlich widerlegt. Geologische Untersuchungen zeigen, dass es sich bei den fraglichen Hügeln um natürliche, weltweit verbreitete Gesteinsformationen handelt, sogenannte Flatirons. Die Europäische Vereinigung der Archäolog:innen bezeichnete das Projekt 2006 in einer offiziellen Erklärung als „grausamen Schwindel”. Zusätzlich zur fehlenden wissenschaftlichen Grundlage besteht ein reales Problem: Die Ausgrabungsarbeiten haben nachweislich echte archäologische Fundstätten der Region beschädigt.
Der nachvollziehbare Prüfpfad
Die geologische Erklärung. Geolog:innen mehrerer Universitäten, darunter der Universität Tuzla, untersuchten die fraglichen Hügel und stellten fest, dass sie aus abwechselnden Schichten von Konglomerat, Ton und Sandstein bestehen — genau wie die umliegenden, unstrittig natürlichen Hügel der Region. Ihre markante, dreieckige Form entstand durch tektonische Hebung ursprünglich horizontal abgelagerter Sedimentschichten eines früheren Seebeckens, kombiniert mit anschließender unterschiedlich starker Erosion — ein geologisches Phänomen namens Flatiron, das weltweit an zahlreichen anderen Orten ganz unabhängig von jeder menschlichen Bautätigkeit auftritt, etwa in der Umgebung von Wladiwostok.
Fehlende fachliche Unterstützung. Bereits im April 2006 unterzeichneten 21 Historiker:innen, Geolog:innen und Archäolog:innen einen offenen Brief, der die Ausgrabungen als amateurhaft und ohne angemessene wissenschaftliche Aufsicht kritisierte. Osmanagić selbst besitzt zwar einen Doktortitel in Sozialwissenschaften, aber keine fachliche Ausbildung in Archäologie oder Geologie.
Reale Schäden an echten Fundstätten. Auf dem Hügel Visočica befinden sich die Überreste einer mittelalterlichen befestigten Stadt sowie ein römischer Beobachtungsposten. Kritiker:innen, darunter der damalige Präsident der Europäischen Vereinigung der Archäolog:innen, warfen dem Projekt vor, diese echten historischen und prähistorischen Fundschichten durch unsachgemäße Ausgrabungsmethoden — zeitweise sogar den Einsatz von Bulldozern zur Freilegung des Grundgesteins — unwiederbringlich zu beschädigen.
Zweifelhafte zusätzliche „Belege”. Im Lauf des Projekts präsentierte Belege wurden zusätzlich diskreditiert: Eine ehemals für das Projekt tätige Geologin berichtete öffentlich, dass angebliche jahrtausendealte Inschriften auf Steinblöcken zum Zeitpunkt ihrer ersten Begutachtung noch nicht vorhanden gewesen seien und offenbar erst nachträglich eingeritzt wurden.
Was von dem Ort tatsächlich bleibt
Unabhängig von der widerlegten Pyramiden-These ist die Region um Visoko real bedeutsam für die tatsächliche Geschichte Bosniens — mit mittelalterlichen und römischen Überresten, die durch das Projekt selbst gefährdet wurden. Der durch die Kontroverse ausgelöste Tourismus hat der wirtschaftlich schwer vom Krieg der 1990er-Jahre betroffenen Stadt Visoko zwar wirtschaftlichen Nutzen gebracht, gleichzeitig aber auch Ressourcen von der eigentlichen, dringend benötigten archäologischen Erforschung und Erhaltung der Region abgezogen.
Welche Evidenz das Urteil ändern könnte
Ein von unabhängigen, nicht mit dem Projekt verbundenen Fachleuten geprüfter, eindeutiger Nachweis menschlicher Bauaktivität am Grundgestein der Hügel — etwa nachweislich bearbeitete, nicht natürlich entstandene Gesteinsstrukturen in gesichertem stratigrafischem Kontext — würde die geologische Erklärung infrage stellen. Bislang liegt ein solcher Nachweis nicht vor; alle bisherigen unabhängigen geologischen Untersuchungen bestätigen übereinstimmend die natürliche Entstehung.
Warum das Projekt trotzdem Erfolg hat
Die Kombination aus einer einfach zu vermittelnden, spektakulären Behauptung, aktivem Marketing und dem realen wirtschaftlichen Interesse einer strukturschwachen Region am Tourismus erklärt, warum sich das Projekt trotz nahezu einhelliger fachlicher Ablehnung bis heute als „New-Age”-Pilgerstätte mit Besucherzentrum und regelmäßigen Veranstaltungen hält.
Quellen und Weiterlesen
- Wikipedia, „Semir Osmanagić” — zentrale Quelle für die Kritik der 21 Fachleute (2006), die Einschätzung Anthony Hardings sowie die geologische Einordnung als Flatirons.
- Wikipedia, „Bosnian pyramid claims” — Grundlage für den Vergleich mit weltweit verbreiteten Flatiron-Formationen (u. a. bei Wladiwostok) durch den Geologen Paul Heinrich.
- Sky HISTORY, „Are there man-made pyramids in the Bosnian mountains?“ — Grundlage für die geologische Untersuchung der Universität Tuzla und die Beschreibung der Schichtstruktur.
- Smithsonian Magazine, „The Mystery of Bosnia’s Ancient Pyramids” — Grundlage für den Bericht der ehemaligen Projekt-Geologin zu nachträglich eingeritzten Inschriften sowie Kritik an der Ressourcenverteilung.
- The Archaeologist, „Bosnian Pyramids: Visoko’s Controversial 12,000-Year Structures” — Grundlage für die geologische Entstehungsgeschichte (Seebecken, tektonische Hebung) und die Erklärung der EAA von 2006.
- A Hot Cup of Joe (Archaeology Review), „Bosnian Pyramid Hoax: an Overview” — Grundlage für die Beschreibung der Ausgrabungsmethoden und der Gefährdung echter archäologischer Schichten.
